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Heinrich Heine: Almansor

Inhalt

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Zuleima tritt, mit einem Lichte, auf den Balkon.
Zuleima:
Sei mir gegrüßt, Almansor ben Abdullah,
Sei mir gegrüßt im Reiche der Lebend'gen!
Denn längst kam uns die trübe Mär: tot sei
Almansor - und Zuleimas Augen wurden
Zwei unversiegbar stille Tränenquellen.
Almansor:
O süße Lichter, holde Veilchenaugen,
So seid ihr mir noch immer treu geblieben,
Als meiner schon vergaß Zuleimas Seele!
Zuleima:
Die Augen sind der Seele klare Fenster,
Und Tränen sind der Seele weißes Blut.
Almansor:
Und floß auch Blut schon aus Almansors Seele,
Am Grab der Mutter und am Grab des Vaters,
So muß sie jetzt doch ganz und gar verbluten,
Hier an dem Grabe von Zuleimas Liebe.
Zuleima:
O schlimme Worte und noch schlimmre Kunden!
Ihr bohrt euch schneidend ein in meine Brust,
Und auch Zuleimas Seele muß verbluten. Sie weint.
Almansor:
O weine nicht! Wie glühnde Naphtatropfen,
So fallen deine Tränen auf mein Herz.
Mein Wort soll dich jetzt nimmermehr verletzen!
Verehren will ich dich wie 'n Heiligtum,
In dessen Näh sogar des Blutes Rächer
Die scharfe Spitze abbricht von der Lanze;
In dessen Näh die Taube und Gazelle
Gesichert sind vor schlimmen Jägerspfeilen;
In dessen Näh selbst gier'ge Räubershände
Sich demutsvoll nur zum Gebet bewegen.
Zuleima, du bist meine heil'ge Kaaba,
Dich glaubte ich zu küssen, als zu Mekka
Mein glühnder Mund berührt den heil'gen Stein; -
Du bist so süß, doch auch so kalt wie er!
Zuleima:
Bin ich dein Heiligtum, so brich sie ab,
Die scharfe Lanzenspitze deiner Worte;
So laß im Köcher ruhn die argen Pfeile,
Die luftbefiedert in mein Herze treffen;
Und falte nicht wie zum Gebet die Hände,
Um desto sichrer meine Ruh zu rauben.
Genug schon schmerzt mich deine böse Kunde
Vom Tod Abdullahs und Fatimas; beide
Hab ich wie eigne Eltern stets geliebt,
Und beide nannten mich auch gerne »Tochter«!
O sprich, wie starb Fatima, unsre Mutter?
Almansor:
Auf ihrem Ruhebette lag die Mutter,
Zur Linken kniete ich, und weinte still,
Zur Rechten stand Abdullah, starr und stumm,
Und mit der Friedenspalme schwebte sichtbar
Der Todesengel über Mutters Haupt.
Ich wollte sie entreißen diesem Engel,
Und ängstlich hielt ich fest der Mutter Hand.
Doch, wie die Sanduhr leis und leiser rinnet,
So rann das Leben aus der Hand der Mutter;
Auf ihrem bleichen Antlitz zuckten wechselnd
Ein Lächeln und ein Schmerz, und wie ich leise
Mich hinbog über sie, da seufzte sie
Aus tiefer Brust: »Bring diesen Kuß Zuleimen.«
Bei diesem Namen stöhnte auf Abdullah,
Wie ein zu Tod getroffnes, wildes Tier.
Die Mutter sprach nicht mehr, die kalte Hand nur
Lag in der meinigen, wie ein Versprechen.
Zuleima:
O Mutter, o Fatima, du hast noch
Bis in den Tod geliebt dein armes Kind!
Abdullah aber bat mich noch gehaßt,
Als er hinabstieg in sein dunkles Haus.
Almansor:
Nicht mit ins Grab nahm er den Haß. Obzwar,
Wenn nur durch Zufall ihm ins Ohr geklungen
Die Namen Ali und Zuleima, so
Erwacht' in seiner Brust der Sturm, wie Wolken
Umzog es seine Stirn, sein Auge blitzte,
Und seinem Mund entquoll Verwünschungsfluch.
Doch einst nach solchem Sturme fiel der Vater,
Ermattet und betäubt in tiefen Schlaf.
Ich stand bei ihm, auf sein Erwachen harrend.
Wie staunte ich! Als er die Wimper aufschlug,
Da lag in seinem Blick, statt Zornesglühen,
Nur klare Freundlichkeit und fromme Milde;
Statt seiner Wahnsinnschmerzen wildes Zuckens,
Umschwebte heitres Lächeln seine Lippen;
Und statt den grausen Fluch hervorzufluchen,
Sprach er zu mir mit leiser, weicher Stimme:
»Die Mutter will's nun mal, ich kann's nicht ändern,
Drum geh nur hin, mein Sohn, durchschiff das Meer,
Geh nach Hispanien zurück, geh hin
Nach Alis Schloß, und suche dort Zuleima,
Und sage ihr -«
Da kam der Todesengel,
Und schnitt, mit scharfem Schwerte, rasch entzwei
Abdullahs Leben und Abdullahs Rede.
Pause.
Ich habe ihn ins Grab gelegt, doch nicht,
Nach Moslembrauch, das Antlitz gegen Mekka;
Gegen Granada hab ich, wie er's einst
Befahl, sein totes Angesicht gerichtet.
So liegt er mit den stieren, offnen Augen,
Und sieht mir immer nach. Sich allmählich umdrehend. Du toter Vater,
Du sahst mich wandern durch den Sand der Wüste,
Und sahst mich schiffen nach der Küste Spaniens,
Und sahst mich eilen nach dem Schlosse Alis,
Und siehst mich hier - hier steh ich vor Zuleima,
Sag nun, Abdullahs Geist, was soll ich sprechen?
Eine, in einem schwarzen Mantel verhüllte Gestalt
tritt auf.
Die Gestalt:
O sprich zu ihr: Zuleima steig herunter
Aus deines Marmorschlosses güldnen Kammern,
Und schwing dich auf Almansors edles Roß.
Im Lande, wo des Palmbaums Schatten kühlen,
Wo süßer Weihrauch quillt aus heil'gem Boden,
Und Hirten singend ihre Lämmer weiden;
Dort steht ein Zelt von blendend weißer Leinwand,
Und die Gazelle mit den klugen Augen,
Und die Kamele mit den langen Hälsen,
Und schwarze Mädchen mit den Blumenkränzen,
Stehn an des Zeltes buntgeschmücktem Eingang,
Und harren ihrer Herrin - O Zuleima,
Dorthin, dorthin entfliehe mit Almansor.
Garten vor Alis Schloß, blühend und von der Morgensonne
beleuchtet. Zuleima liegt betend vor einem Christusbilde.
Sie steht langsam auf.
Zuleima:
Und doch liegt noch die Sorg auf dieser Brust!
Mein Herze zittert noch. Ist es vor Freude,
Daß er noch lebt, den ich als tot beweint?
Nein, nicht vor Freude, die verträgt sich nicht
Mit meinem heil'gen Eid, mit dem Versprechen,
Das ich dem frommen Abt des Klosters gab.
Almansor ist zurückgekommen! Wenn
Mein Vater das erfährt - Wird nicht sein Zorn
Den Sohn des Todfeinds treffen? Noch erlosch nicht
Sein Groll, noch liegen lauernd in der Brust ihm
Viel schlimme Geister, die mit Wut entsteigen,
Wenn nur sein Ohr Abdullahs Namen hört.
Was hat Abdullah ihm getan? Mein Vater
Ist sonst so mild! Ich hab ihn oft behorcht;
Des Nachts durchwandelt er des Schlosses Gänge,
Mit bloßem Schwert, und ruft »Abdullah, komm,
Wir wollen fechten, Blut will Blut« - Almansor!
Dich darf er nimmer schaun, entflieh! entflieh!
Der Väter Feindschaft bringt den Kindern Tod.
Mit meinem Schleier will ich dich umhüllen,
Daß meines Vaters Blick dich nimmer treffe.
Ich seh dich in Gefahr, und es erwachen
All die Gefühle, die mich einst bewegten,
Als wir noch Braut und Bräut'gam kindisch spielten,
Als du den morschen Apfelbaum erklettert,
Als ich dich weinend, und mit bangen Bitten,
Herunterlockte von der schlimmen Höh.
Sinnend: »Tot ist Almansor« sagten böse Leute,
Und böser Kunde glaubte böses Herz,
Und Braut des fremden Mannes ward Zuleima!
Ich will dich lieben, wie man liebt den Bruder -
Sei mir ein Bruder, lieblicher Almansor!
Sie sieht zur Erde, und seufzt: »Almansor!«
Almansor ist unterdessen hinter Zuleima erschienen, naht
sich derselben unbemerkt, legt beide Hände auf ihre Schulter,
und lächelnd seufzt er im selben Tone: »Zuleima.«
Zuleima dreht sich erschrocken um, und betrachtet ihn lange:
Du hast dich viel verändert, mein Almansor.
Du siehst fast aus wie 'n starker Mann, doch hast du
Die wilden Knabensitten nicht vergessen,
Und störst mich wieder, ebenso wie sonst,
Wenn ich mit meinen Blumen heimlich spreche.
Almansor heiter lächelnd:
Sag mir, mein Liebchen, welche Blume ist es,
Die jetzt »Almansor« heißt? Ein trüber Name,
Der nur für Trauerblumen passen könnt!
Zuleima:
Sag mir zuvor, du wilder, finstrer Buhle,
Wer war der schwarze Sprecher diese Nacht?
Almansor:
Es war ein alter Freund, du kennst ihn gut.
Der alte Hassan war's, der vielbesorgt,
Wie 'n treues Tier, gefolget meiner Spur.
Leg ab, mein süßes Lieb, die finstre Miene,
Den schwarzen Flor, der deinen Blick umdüstert.
Wie 'n Schmetterling die Raupenhülle abstreift,
Und leuchtend bunt entfaltet seine Flügel,
So hat die Erde abgestreift das Dunkel,
Womit die Nacht ihr schönes Haupt umschleiert.
Die Sonne senkt sich küssend auf sie nieder;
Im grünen Wald erwacht ein süßes Singen;
Der Springborn rauscht und stäubet Diamanten;
Die hübschen Blümlein weinen Wonnetränen; -
Das Licht des Tages ist ein Zauberstab,
Der all die Blumen und die Lieder weckte,
Der selbst Almansors Seele konnt entnachten.
Zuleima:
Trau nicht den Blumen, die hierher dir winken,
Trau nicht den Liedern, die hierher dich locken,
Sie winken und sie locken in den Tod.
Almansor:
Ich weiche nicht, und weich auch nicht dem Tod.
Mit ist so wohl, so heimlich wohl allhier!
Sie steigen auf, die goldnen Knabenträume!
Hier ist der Garten, wo ich gerne spielte,
Hier blühn die Blumen, die mir freundlich nickten,
Hier singt der Zeisig, der mich morgens grüßte -
Doch sprich, mein Lieb, ich sehe nicht die Myrte,
Wo sie einst stand, da steht jetzt die Zypresse?
Zuleima:
Die Myrte starb, und auf das Grab der Myrte
Hat man gepflanzt die traurige Zypresse.
Almansor:
Noch steht die Laube von Jasmin und Geißblatt,
Wo wir die hübschen Märchen uns erzählten,
Von Mödschnuns Wahnsinn und von Leilas Sehnsucht,
Von beider Liebe und von beider Tod.
Hier steht auch noch der liebe Feigenbaum,
Mit dessen Frucht du meine Märchen lohntest;
Hier stehn auch noch die Trauben und Melonen,
Die uns erquickten, wenn wir lang geschwatzt -
Doch sprich, mein Lieb, ich seh nicht den Granatbaum,
Worauf einst saß und sang die Nachtigall,
Ihr Liebesweh der roten Rose klagend.
Zuleima:
Die rote Rose ward vom Sturm entblättert,
Die Nachtigall samt ihrem Liede starb,
Und böse Äxte haben abgehaun
Den edeln Stamm des blühenden Granatbaums.
Almansor:
Hier ist mir wohl! auf diesem lieben Boden
Klebt fest mein Fuß, wie heimlich angekettet;
Ich bin gebannt in diesen lieben Kreisen,
Die du um mich gezogen, schöne Fee;
Vertraute Balsamdüfte mich umhauchen,
Die Blumen sprechen und die Bäume singen,
Bekannte Bilder hüpfen aus den Büschen -
Er erblickt das Christusbild, befremdet.
Doch sprich, mein Lieb, dort steht ein fremdes Bild,
Das schaut mich an so mild, und doch so traurig,
Und eine bittre Träne läßt es fallen
In meinen schönen, goldnen Freudenkelch.
Zuleima:
Und kennst du nicht dies heil'ge Bild, Almansor?
Hast du es nie geschaut in sel'gen Träumen?
Trafst du es wachend nie auf deinen Wegen?
Besinn dich wohl, du mein verlorner Bruder!
Almansor:
Wohl traf ich schon auf meinem Weg dies Bildnis,
Am Tage meiner Rückkehr in Hispanien.
Links an der Straße, die nach Xeres führt,
Steht prangend eine herrliche Moschee.
Doch wo der Türmer einst vom Turme rief:
»Es gibt nur einen Gott, und Mahomet
Ist sein Prophet!« da klung jetzund herab
Ein dröhnend dumpfes, schweres Glockenläuten.
Schon an der Pforte goß sich mir entgegen
Ein dunkler Strom gewalt'ger Orgeltöne,
Die hoch aufrauschten und wie schwarzer Sud,
Im glühnden Zauberkessel, qualmig quollen.
Und wie mit langen Armen, zogen mich
Die Riesentöne in das Haus hinein,
Und wanden sich um meine Brust, wie Schlangen,
Und zwängten ein die Brust, und stachen mich,
Als läge auf mir das Gebirge Kaff,
Und Simurghs Schnabel picke mir ins Herz.
Und in dem Hause scholl, wie 'n Totenlied,
Das heisre Singen wunderlicher Männer,
Mit strengen Mienen und mit kahlen Häuptern,
Umwallt von blum'gen Kleidern, und der feine
Gesang der weiß- und rotgeröckten Knaben,
Die oft dazwischen klingelten mit Schellen,
Und blanke Weihrauchfässer dampfend schwangen.
Und tausend Lichter gossen ihren Schimmer
Auf all das Goldgefunkel und Geglitzer,
Und überall, wohin mein Auge sah,
Aus jeder Nische nickte mir entgegen
Dasselbe Bild, das ich hier wiedersehe.
Doch überall sah, schmerzenbleich und traurig,
Des Mannes Antlitz, den dies Bildnis darstellt.
Hier schlug man ihn mit harten Geißelhieben,
Dort sank er nieder unter Kreuzeslast,
Hier spie man ihm verachtungsvoll ins Antlitz,
Dort krönte man mit Dornen seine Schläfe,
Hier schlug man ihn ans Kreuz, mit scharfem Speer
Durchstieß man seine Seite - Blut, Blut, Blut
Entquoll jedwedem Bild. Ich schaute gar
Ein traurig Weib, die hielt auf ihrem Schoß
Des Martermannes abgezehrten Leichnam,
Ganz gelb, und nackt, von schwarzem Blut umronnen -
Da hört ich eine gellend scharfe Stimme:
»Dies ist sein Blut«, und wie ich hinsah, schaut ich
Schaudernd. Den Mann, der eben einen Becher austrank.
Pause.


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