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Kurd Laßwitz: Auf zwei Planeten

Inhalt

1 - Am Nordpol

2 - Das Geheimnis des Pols

3 - Die Bewohner des Mars

4 - Der Sturz des Ballons

5 - Auf der künstlichen Insel

6 - In der Pflege der Fee

7 - Neue Rätsel

8 - Die Herren des Weltraums

9 - Die Gäste der Marsbewohner

10 - La und Saltner

11 - Martier und Menschen

12 - Die Raumschiffer

13 - Das Abenteuer am Südpol

14 - Zwischen Erde und Mars

15 - 6.356 Kilometer über dem Nordpol

16 - Die Aussicht nach der Heimat

17 - Pläne und Sorgen

18 - Die Botschaft der Marsstaaten

19 - Die Freiheit des Willens

20 - Das neue Luftschiff

21 - Der Sohn des Martiers

22 - Schnelle Fahrt

23 - Ismas Entschluß

24 - Die Lichtdepesche

25 - Engländer und Martier

26 - Der Kampf mit dem Luftschiff

27 - Auf dem Mars

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

28 - Sehenswürdigkeiten des Mars

29 - Das heimliche Frühstück

30 - Das Erdmuseum

31 - Mars-Politiker

32 - Ideale

33 - Fünfhundert Milliarden Steuern

34 - Das Retrospektiv

35 - Die Rente des Mars

36 - Saltners Reise

37 - Die Wüste Gol

38 - Gefährlicher Ruheplatz

39 - Die Martier sind auf der Erde!

40 - Ismas Leiden

[Abs. 1] [Abs. 2]

41 - Die Schlacht bei Portsmouth

42 - Das Protektorat über die Erde

43 - Die Besiegten

44 - Torms Flucht

45 - Des Unglück des Vaterlands

[Abs. 1] [Abs. 2]

46 - Der Kultor der Deutschen

47 - Isma

48 - Der Instruktor von Bozen

49 - Die Flucht in die Berge

50 - Die Luft-Yacht

51 - Martierinnen in Berlin

[Abs. 1] [Abs. 2]

52 - Im Erdgewitter

53 - Schwankungen

54 - Auf der Sternwarte

55 - In höchster Not

56 - Selbsthilfe

[Abs. 1] [Abs. 2]

57 - Das Spiel verloren

[Abs. 1] [Abs. 2]

58 - Lösung

[Abs. 1] [Abs. 2]

59 - Die Befreiung der Erde

[Abs. 1] [Abs. 2]

60 - Weltfrieden

51 - Martierinnen in Berlin


In der glänzend ausgestatteten Vorhalle des neuen ›Marshotels‹ an der Straße ›Unter den Linden‹ in Berlin standen zwei elegant gekleidete Damen. In ihren gemessenen Bewegungen, mit denen sie die Einrichtungen des Hotels aufmerksam musterten, machten sie einen ebenso vornehmen Eindruck, als er dem Reichtum ihrer Toilette entsprach. Ihr Gesicht war von einem dichten Schleier bedeckt, so daß es schwer war, über ihr Alter ein Urteil zu gewinnen.

Als sie im Begriff waren, auf die Straße zu treten, näherte sich ihnen ein Kellner und fragte ehrerbietig: »Befehlen die Damen Plätze zur Table d’hôte?«

Se trat, entsetzt über diese Zumutung, einen Schritt zurück. Schnell gefaßt sagte La:

»Wir können darüber noch nicht entscheiden.«

»Wagen gefällig?« fragte der Portier.

La schüttelte nur den Kopf und ging vorüber.

Der Kellner und der Portier tauschten einen Blick, aus dem wenig Hochachtung für die beiden Gäste sprach.

Die Damen schritten die Straße entlang nach dem Opernplatz zu. Sie spannten ihre Sonnenschirme auf, und ihre Bewegungen wurden sichtlich freier und lebhafter.

»Du hast doch nicht etwa die Absicht«, sagte Se leise, »wirklich mit diesen Baten essen zu wollen? Das ist doch unmöglich.«

»Mit dem Hut und dem Schleier wird es nicht gehen, sonst aber – man muß sich an alles gewöhnen.«

»Aber das ist doch zu unanständig.«

»Wir sind auf der Erde. In irgendeine der Restaurationen, die hier, wie es scheint, in jedem Hause sind, wollen wir jedenfalls einmal eintreten. Sieh nur, wo man hinblickt, sitzen Leute und trinken Bier. Das nennen sie Frühschoppen.«

Sie schritten weiter durch das Gewühl der Menschen, über breite Plätze, dann in engere, noch dichter belebte Straßen hinein. Ihre Blicke schweiften über Gebäude und Denkmäler, über die begegnenden Personen und Wagen oder verweilten auf den glänzenden Auslagen in den Schaufenstern.

»Es gefällt mir gar nicht«, sagte Se. »Alles ist nüchtern, klein und eng. Man sieht förmlich, wie die Schwere die Gebäude zusammendrückt, die Dächer herabklappt. Die Wände, die Erker, alles ist vertikal gezogen, eine horizontale Schwingung ins Freie scheint es gar nicht zu geben. Sieh nur, wie dieser Balkon mühsam von unten gestützt ist! Und wie ärmlich und geschmacklos all dies Zeug in den Läden! Und das ist nun die Hauptstadt! Wie mag es auf dem Lande aussehen? Denn diese ganze Herrlichkeit reicht nicht weit, selbst wenn man zu Fuß geht, ist sie in ein paar Stunden zu Ende.«

»Du mußt doch nicht immer unsre Verhältnisse zum Vergleich heranziehen«, entgegnete La. »Im ganzen ist es staunenswert, was die Leute für ihre Kulturstufe leisten. Sie haben doch eine Industrie. Natürlich müssen sie sich nach der Schwere richten und können nicht wie wir in die Luft hinausbauen. Aber wie angenehm kann man dafür hier im warmen Sonnenschein gehen, ohne verbrannt zu werden. Und sieh nur, diese entzückenden weißen Wölkchen, wie sie über den blauen Grund ziehen. Das gefällt mir besser als unser ewiger grüner Baumschimmer oder der fast schwarze Himmel darüber.«

»Mir scheint, du willst dich zur Erdschwärmerin ausbilden. Mich stößt schon dieser entsetzliche Lärm ab. Die Leute unterhalten sich ja so laut, daß man es auf mehrere Schritte hört. Und dort zanken sich gar zwei auf offener Straße. Auch die Wagen sind unausstehlich geräuschvoll, man hört das Rollen der Räder auf weithin. Wie muß das erst gewesen sein, als noch Pferde vor die Wagen gespannt waren. Höre nur das unanständige Rufen der Wagenführer: He! He! Das Klingeln und Pfeifen! Ich möchte mir die Ohren verstopfen.«

»Man gewöhnt sich daran.«

»Was kommt denn dort? Hoch oben sitzen Menschen, und unten ist ein Tier mit vier Beinen. So was habe ich noch nie gesehen, das müssen wir uns betrachten.«

»Es sind Reiter«, sagte La. »Sie sitzen auf Pferden. Es sieht gut aus.«

»O nein, abscheulich! Diese Tiere, wie häßlich. Und wie das riecht! O pfui! Komm, komm, das halte ich nicht aus.«

Aus der Tür eines Hauses trat ein Nume, mit dem großen, glänzenden Glockenhelm über dem Kopf. Er schritt bis in die Mitte der Straße, um sich nach seinem Wagen umzusehen. Ein Teil der Vorübergehenden wich ihm in einem Bogen aus, andre, die gelbe Marken an der Kopfbedeckung trugen, gingen zwar dicht an ihm vorüber, blickten aber finster nach der andern Seite. Gerade jetzt waren die Reiter bis hierher gelangt. Das Pferd des ersten scheute vor dem Helm des Martiers, der, ohne an ein Ausweichen zu denken, in der Mitte der Straße stand. Kerzengerade stieg es in die Höhe. Der gewandte Reiter behauptete sich im Sattel, er wollte das Pferd an dem Martier vorüberbringen. In unregelmäßigen Sätzen sprang es hin und her und schlug aus. So drängte es in die Zuschauermenge hinein, die sich schnell angesammelt hatte. Diese stob erschrocken auseinander, auch La und Se wurden gestoßen, allgemeines Geschrei entstand. Schreckensbleich sahen sie, in die Ecke einer Haustür gedrückt, der Szene zu. Von den Sporen des Reiters getroffen, machte jetzt das Pferd einen gewaltigen Satz nach vorn. Es streifte den Helm des Martiers und riß diesen zu Boden. Die Reiter galoppierten davon, und ein Hohngeschrei der angesammelten Straßenjugend begleitete die Niederlage des Numen.

Wütend sprang der Nume in die Höhe, das Publikum beeilte sich, aus seiner Nähe zu kommen. Ein Schutzmann hatte sich inzwischen eingefunden und war dem Numen behilflich, in seinen Wagen zu steigen.

»Wer waren die Reiter?« fragte der Martier.

»Es waren Herren vom Rennklub.«

»Gut, diesem Unfug muß gesteuert werden.«

Der Nume fuhr davon.

»Das geht ja hier entsetzlich zu«, sagte Se schaudernd. »Man ist seines Lebens nicht sicher. Ich gehe nicht weiter.«

»Nur noch bis an jene Ecke. Dort in der Restauration hinter den großen Scheiben sehe ich Damen in Hüten sitzen, da wollen wir uns ein wenig erholen. Und dann fahren wir direkt zu Isma.«

Sie traten in das reich ausgestattete Lokal ein und schritten zwischen den Tischen, die Gäste musternd, hindurch, bis sie neben einem der Fenster an einem noch unbesetzten kleinen Tisch Platz fanden. Obwohl ihnen alle Verhältnisse fremd und ungewohnt waren, so machte sie das doch in keiner Weise befangen; es waren ja nur ›Bate‹, die hier ihren barbarischen Sitten huldigten, und sie wollten sich das nur einmal ansehen. So dachte wenigstens Se. Sie rümpfte das Näschen und sagte:

»Eine furchtbare Luft! Diese Gerüche und dieser Lärm – wie kannst du es nur hier aushalten.«

Das Gemisch von Düften nach Bier, Tabak und geräucherten Würstchen, in Verbindung mit dem Geräusch der Stimmen, war für martische Sinne betäubend.

»Wir können hier ein wenig das Fenster öffnen«, sagte La.

Sie befanden sich in dem großen Ausschank einer süddeutschen Brauerei. Ein Kellner setzte unaufgefordert zwei Glas Bier vor sie hin, und eine Kellnerin brachte ihnen die Speisekarte.

Se amüsierte sich. »Diesen Topf soll man austrinken?« sagte sie. »Aber wie macht man denn das, es ist ja kein Saugrohr dabei?«

La warf einen etwas verzweifelten Blick umher, dann hob sie das Glas und sagte: »Wir müssen eben trinken wie die Menschen.« Und sie nahm einen tüchtigen Zug.

Se versuchte es gleichfalls, aber sie kam nicht recht damit zu Rande. »Woher kannst du das nur?« fragte sie lachend. »Ich glaube, du hast dich auf deine Erd-Expedition vorbereitet!«

»Ich habe es wirklich eingeübt«, antwortete La. »ich habe mir nun einmal vorgenommen, unter den Menschen so wenig wie möglich aufzufallen.«

»Und das sagst du so ernsthaft – man möchte es wirklich glauben. Nun, was steht denn auf dieser wunderbaren Speisekarte, die man mit beiden Händen halten muß?«

»Ich werde nicht klug daraus. Doch, da –« sie hielt inne, »– ich werde mir – dies da –«

Ein wehmütiges Lächeln ging flüchtig über ihre Züge, dann wandte sie den Kopf ab und blickte sinnend zum Fenster hinaus.

Se las die Stelle, die La mit dem Finger bezeichnet hatte, und warf dann einen verwunderten Blick auf die Freundin. Sie suchte in ihrem Gedächtnis, und nun hatte sie es gefunden. Ihre Augen blitzten schelmisch auf, und plötzlich sagte sie, ganz mit Saltners Akzent:

»Ein Paar Geselchte mit Kraut, die wenn i’ hätt’, ’s wär’ schon recht.«

La zuckte zusammen. Sie sah Se mit einem flehenden Blick an. Diese ergriff ihre Hand und sagte, ihr Lachen unterdrückend: »Sei nicht böse, liebe La, aber eine Nume, der bei der Erinnerung an ›ein Paar Geselchte‹, die sie noch dazu nie mit ihren Augen gesehen hat, die Tränen in diese schönen Augen treten, das ist doch ein Anblick, um Götter zum Lachen zu bringen. Aber es ist wahr, diesen würdigen Gegenstand müssen wir kennenlernen, aus Dankbarkeit an die lustigen Zeiten. Und heute habe ich schon viel daraus gelernt«, setzte sie im stillen für sich dazu.

Se bestellte. Und wieder mußte sie leise lachen. Sie sah sich mit La und Saltner auf der Aussichtsbrücke des Raumschiffs stehen, als sich die leuchtenden Flächen des Mars zum erstenmal vor den Ankommenden im Sonnenschein ausbreiteten, und der Kapitän Oß, der zu Saltners Ärger La nicht von der Seite wich, sagte: »Morgen werden wir landen. Es ist ein hübscher Raumschifferglaube, daß der Wunsch in Erfüllung geht, den man bei der Landung ausspricht; es muß aber etwas Praktisches und etwas Kleines sein. Was werden Sie denn sagen?« Er blickte La schmachtend an, die aber nicht antwortete. Da tat Saltner in seinem trockenen Ton den klassischen Ausspruch von den Würstchen. La und Se hatten lange gefragt, was denn dies sei, und er hatte sie immer mit diesem Geheimnis geneckt, bis er es ihnen einmal erklärte, und dann war es eine scherzhafte Redensart geworden.

»Das sind ein paar patente Frauenzimmer«, sagte ein Herr am Nebentisch zu seinem Nachbar.

»Es sind Tirolerinnen, ich hab’ vorhin die eine sprechen hören«, sagte der andre. »Sie sind gewiß von der Stürzerschen Sängergesellschaft.«

Das Essen war gebracht worden. Die Würstchen dampften verlockend auf den Tellern, nur nicht für die Freundinnen. Sie tauschten verzweifelte Blicke miteinander.

»Es ist keine Waage unter dem Teller«, sagte La, »man weiß nicht, wieviel man eigentlich zu sich nimmt. Willst du dir vielleicht lieber etwas Chemisches geben lassen?«

»Ich bringe es überhaupt nicht fertig, vor allen diesen Leuten zu essen. Ich schäme mich halbtot.«

»Es kommt ja kein Nume herein, und niemand kennt uns. Ich will dir etwas sagen – entweder, oder! In dem Schleier können wir überhaupt nicht essen. Wir drehen dem Publikum den Rücken zu und nehmen die Schleier ab. Ich stelle mir jetzt vor, ein Mensch zu sein!«

Und mit einem kühnen Entschluß löste La den Schleier von ihrem Gesicht und begann zu essen.

»Es ist wirklich gut«, sagte sie. »Es ist fett und schmeckt wie Al-Keht. Versuch es nur!«

Se sah ihr gespannt zu. Sie bewunderte die Seelengröße der Freundin, aber sie konnte sich nicht zu dem gleichen Opfer für die Menschheit entschließen.

»Es ist zu viel«, sagte La.

»So wollen wir gehen. Die Leute sehen uns zu. Himmel, da draußen geht ein Nume vorüber.«

Se drehte sich schnell um, indem sie den Schleier zu befestigen suchte. Indessen bezahlte La, und sie verließen das Lokal.


Die beiden Herren waren ihnen gefolgt. Als Se und La auf der Straße stehen blieben, um sich nach einer Droschke umzublicken, trat einer der Herren an sie heran.

»Die Damen sind fremd und wissen den Weg nicht«, sagte er, den Hut lüftend, »dürfte ich vielleicht die Ehre haben –«

Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, wendeten sie ihm den Rücken zu und setzten ihren Weg fort. Sie bemerkten alsbald, daß die beiden ihnen unter anzüglichen Bemerkungen folgten.

»Das ist ja eine unverschämte Gesellschaft«, sagte Se, »es ist wirklich recht nett hier unter den Baten, man kann sich nicht einmal frei bewegen.«

»Du mußt bedenken«, bemerkte La entschuldigend, »das sind ungebildete Leute, die nichts zu tun haben, sonst würden sie um diese Zeit nicht im Gasthaus sitzen. Dort drüben stehen übrigens Wagen.«

»Ich werde ihnen aber erst eine kleine Ermahnung geben. Paß auf, wie sie verschwinden werden.«

Se nestelte an ihrem Schleier und blieb dann stehen. Als sich die beiden Herren dicht hinter ihr befanden, drehte sie sich plötzlich um und riß den Schleier herab. Der Glanz ihrer mächtigen Augen und das Gebietende ihres Blickes zeigte den Abenteuerlustigen sofort, daß sie vor einer Nume standen. Erschrocken prallten sie zurück.

»Macht, daß ihr in die Schule kommt!« rief sie ihnen zu.

Beide entfernten sich aufs schleunigste.

Se lachte. »Aber nun habe ich wirklich Hunger«, sagte sie. »Isma muß mir etwas zum Frühstück verschaffen.«

Eine Droschke brachte sie vor das Haus, wo Isma wohnte. Enttäuscht sahen sie sich um, nachdem sie den Hof überschritten hatten. Kein Aufzug im Haus, und drei Treppen! Es war eine mühsame Partie. Se seufzte wiederholt.

»Man braucht ja nicht in einem solchen Haus zu wohnen oder nicht so hoch«, sagte La begütigend.

»Man braucht glücklicherweise überhaupt nicht auf der Erde zu wohnen, sollte ich denken.«

»Nun ja, ich meinte nur, wenn man – zum Beispiel amtlich –«

»Ach so.«

Endlich standen sie vor der Tür, welche die Aufschrift ›Isma Torm‹ trug. Sie hatten nun ihre Schleier abgenommen. Auf ihr Klingeln öffnete sich die gegenüberliegende Tür, und eine ältere, freundliche Dame sagte, Frau Torm sei nicht zu Hause. Jetzt erkannte sie, daß sie zwei Damen vom Mars vor sich habe und erschöpfte sich in Entschuldigungen. Frau Torm werde sogleich nach Hause kommen, es sei jetzt ihre Zeit, und die Damen möchten nur einen Augenblick warten, es sei alles geimpft im Haus, und sie werde sie sogleich in Frau Torms Zimmer führen. Das geschah denn, und die unterhaltende Dame ließ sie nun allein.

Die beiden Martierinnen sahen sich sorgfältig in dem freundlichen und geräumigen Zimmer um. In dem lebensgroßen Porträt an der Wand erkannte Se sogleich Ismas Gatten, dessen Bild ihr in allen Schriften über die Erde begegnet war. Mit besonderem Interesse betrachtete La die Einrichtung im einzelnen, nur irrte sie sich, wenn sie glaubte, etwa hier den Typus des Wohnzimmers einer deutschen Hausfrau vor sich zu haben. Denn wenn auch die Tätigkeit der weiblichen Hand unverkennbar war, so enthielt doch die Einrichtung nicht nur viele Züge des Studierzimmers eines Mannes, sondern auch allerlei, was von den landesüblichen Gewohnheiten abwich und an den Einfluß des Mars erinnerte. Da waren zahlreiche Kleinigkeiten, die von Ismas Planetenreise erzählten, eine Fluoreszenzlampe über dem Schreibtisch hing an einem Lisfaden, so daß sie in der Luft zu schweben schien, ein Bücherbrett war ganz nach martischem Muster eingerichtet, und es fehlte sogar nicht der Phonograph, ein Geschenk Ells.

Unter den Drucksachen, die auf dem Tisch lagen, fiel La ein Flugblatt auf, das in mehreren Exemplaren vorhanden war. Es trug die Überschrift: ›An die Menschheit!‹ und begann mit den Worten: »Numenheit ohne Nume! Das sei der Wahlspruch des allgemeinen Menschenbundes, den wir aufrichten wollen unter allen Kulturvölkern der Erde.«

La las weiter. Der Inhalt fesselte sie. In feurigen Worten war die ideale Kultur der Martier gepriesen, aber ebenso entschieden eifriger Protest erhoben gegen die Form, welche ihre Herrschaft auf der Erde angenommen hatte. »Ergreifen wir«, so hieß es, »was sie uns bieten, mit klarer Einsicht und offenem Herzen, so werden wir ihrer selbst nicht mehr bedürfen. Zeigen wir, daß wir das große Beispiel ihres Planeten begriffen haben, eine Gemeinschaft freier Vernunftwesen zu bilden, in der die Ordnung herrscht nicht durch die egoistische Gewalt einzelner Klassen, sondern durch das lebendige Gemeinschaftsgefühl aller. Das neue Zeitalter ist vorbereitet. Der Mars hat uns den gewaltigen Dienst geleistet, uns zu zeigen, wie die Not des Daseins bezwungen werden kann durch eine reichere Ausbeutung der Natur und eine größere Selbstbeherrschung der Menschen. Er hat die historischen Fesseln gebrochen, die uns verhinderten, die neuen Ideen in der Menschheit lebendig zu machen. Er hat die Völker geeint in dem gemeinsamen Bewußtsein, daß sie als Kinder der Erde zusammengehören und ihre häuslichen Streitigkeiten zu begraben haben, um die Kräfte des Planeten zusammenzufassen; er hat uns gezeigt, daß es gilt, dem überlegenen und geeinten Planeten zu begegnen, nicht um ihn zu bekämpfen als einen Feind, sondern um seiner Freundschaft würdig zu werden und ihn als Bundesgenossen zu begreifen. Menschliche Wissenschaft und menschliche Arbeit möge unser Leben mit dem Bewußtsein durchdringen, daß es nur nötig ist, dem Gesetz der Vernunft zu folgen, um auch unsern Willen auf der Höhe des sittlichen Ideals zu halten. Wagen wir es zu denken und an uns selbst zu glauben! Fahren wir fort zu lehren und zu lernen, damit wir verstehen, was menschliche Freiheit erfordert! Und aus der Vertiefung des befreiten Menschengefühls heraus einigen wir uns in einem großen geistigen Bund, daß wir von uns sagen können: Hier ist die Menschheit, hier ist die Gemeinschaft des Willens, uns frei unterzuordnen dem Gesetz der Vernunft, hier ist die Erde, um dem Mars die Bruderhand zu reichen! Und dann, das laßt uns mit Gewißheit glauben, wird der ältere Bruder uns ebenso frei die Hand entgegenstrecken und sprechen: Ihr seid würdig der Freiheit, die Ihr Euch gewonnen habt, nehmt sie hin, wir verzichten freiwillig auf unsre Herrschaft. Unser Ziel ist erreicht, wenn Ihr Menschen seid.« – Daran waren Mitteilungen über die Organisation des Bundes geknüpft.

Indessen hatte Se in den Zeitungen geblättert, als sie plötzlich ausrief: »Höre, La, hier steht etwas, das dich interessieren wird, von Oß und Saltner –«

La griff nach dem Blatt. Noch hatte sie kaum die Stelle gefunden, als die Tür sich öffnete und Isma eintrat.

Ihre Überraschung war groß und die Begrüßung lebhaft. Und doch fühlte sich Isma befangen. Warum hatte ihr Ell nichts von dem bevorstehenden Besuch gesagt? Sie fühlte sich freier, als sie im Lauf des Gespräches vernahm, daß Ell gar nichts von dem Eintreffen Las wußte, und gewann bald die Überzeugung, daß es nicht der Wunsch war, Ell wiederzusehen, der La nach der Erde geführt habe. La erzählte von ihren Eindrücken und Erlebnissen auf dem Weg vom Hotel zu Isma, und Se erhielt die ersehnte Kräftigung. Dann brachte Se das Gespräch auf den Zeitungsartikel über Oß und Saltner.

Es war darin gesagt, daß auf Veranlassung des Instruktors für Bozen, Oß, der bekannte Forschungsreisende Saltner steckbrieflich verfolgt werde wegen öffentlicher Anreizung zum Ungehorsam gegen die Gesetze, Widerstands gegen den vorgesetzten Numen, Bedrohung des Instruktors, Mißbrauchs amtlicher Papiere und Befreiung von Gefangenen. Es war noch hinzugefügt, daß hoffentlich die Schwere der Anklage sich nicht bestätigen werde, da es bekannt sei, daß gegen den Instruktor Oß selbst eine Untersuchung wegen Überschreitung der Amtsgewalt schwebe und seine Abberufung bevorstehe. Saltners Aufenthalt sei unbekannt, doch werde von allen Behörden aufs angelegentlichste nach ihm geforscht.

La sagte kein Wort. Sie suchte ihre Erregung zu beherrschen. Aber das Herz schlug ihr in Angst und Sorge. Gewiß hatte Oß Saltner gereizt, um seine Rache an ihm nehmen zu können. Und sie fühlte sich schuldig als die geheime Ursache dieser Gegnerschaft. Sie horchte mit Bangigkeit auf die Erklärungen, die Isma jetzt auf Ses Frage gab.

Ell hatte Isma am Tag vorher besucht, an demselben Tag, an welchem er genauere Nachricht über die Vorgänge in Bozen erhalten hatte und auch die ersten Mitteilungen an die Zeitungen gelangt waren. Die Klagen über Oß waren zuerst beim Unterkultor in Wien erhoben worden. Dieser befand sich in der schwierigen Stellung, daß er amtlich dem Kultor des gesamten deutschen Sprachgebiets in Berlin verantwortlich, in der Durchführung seiner Anordnungen aber an die Zustimmung der politischen Oberbehörde, nämlich an das österreichische Ministerium gebunden war. Infolgedessen konnte er nicht ohne weiteres die Suspendierung des Oß von seinem Amt verfügen, sondern es wurden Verhandlungen mit der Wiener Regierung notwendig. Von dort aus konnte erst an Ell berichtet werden.

So waren mehrere Tage seit der Flucht Saltners vergangen, ehe Ell von derselben erfuhr. Nun wurde auf Grund der Klage der Behörden und der Einwohner des Bozener Instruktionsbezirks die Disziplinaruntersuchung gegen Oß erhoben und der Unterkultor in Wien angewiesen, sich persönlich nach Bozen zu begeben. Man konnte annehmen, daß er heute daselbst eintreffen würde. Aber für Saltner wurde der Stand der Sache dadurch nicht gebessert. Seine Selbsthilfe war vom Standpunkt der Martier aus eine Gesetzesverletzung, die eine eindringliche strafrechtliche Verfolgung erforderte, weil man die Autorität der Nume unbedingt aufrechterhalten wollte. Ell konnte daher nicht anders handeln, als die Maßregeln zu bestätigen, durch welche die Verhaftung Saltners erzielt werden sollte. Isma berichtete ausführlicher über die Beschuldigung, die von dem Instruktor gegen Saltner erhoben wurde. Danach erschien es, als hätte Saltner den Instruktor auf offner Straße insultiert, die Einwohner zum Widerstand aufgefordert, seine Mutter und die Magd endlich durch einen raffinierten Betrug aus dem Laboratorium entführt.

Se dachte im stillen: Wie gut, daß man nicht weiß, was er schon auf dem Mars verbrochen hat! La jedoch sagte mit künstlicher Ruhe: »Man wird doch erst hören müssen, wie sich die Sache von Saltners Seite aus ansieht.«

»Gewiß«, erwiderte Isma »und ich kann Ihnen auch darüber Auskunft geben. Ell hat nämlich gestern einen Brief von Saltner selbst erhalten, worin er ihm offen seine Handlungsweise darlegt und ihn um Hilfe gegen die ihm drohende Verfolgung angeht.«

»Einen Brief? So weiß man also, wo er sich aufhält? So ist er in Sicherheit?«

»Das kann man nicht sagen. Der Brief ist auf einer Station zwischen Bozen und Trient aufgegeben. Die dortigen Einwohner sind natürlich alle auf Saltners Seite und werden ihn nicht verraten. Jedenfalls hat einer der Führer oder Träger, die ohne Zweifel bei Saltners Flucht beteiligt waren, den Brief zur Station gebracht. Saltner selbst hält sich wahrscheinlich im Hochgebirge auf irgendeiner versteckt liegenden Hütte auf.«

Isma erzählte nun, was Saltner getan hatte, nach seiner eigenen Schilderung in dem Brief, den Ell ihr gestern vorgelesen hatte.

Se schüttelte den Kopf und sagte: »Das sieht alles Saltner ganz ähnlich. Aber die Sache steht doch recht schlimm. Wenn man ihn bekommt, wird es ihm sehr übel ergehen.«

»Warum?« fuhr La plötzlich auf. »Ich glaube jedes Wort, was Saltner schreibt, und dann hat er sich gar nichts zuschulden kommen lassen. Er hat Oß nicht angegriffen und sich seinen Befehlen nicht widersetzt, denn es waren ihm noch keine zur Kenntnis gekommen; und die Befreiung seiner Mutter hat er auf einem Weg bewirkt, der rein formell nicht anzugreifen ist.«

»Ell ist doch anderer Ansicht«, erwiderte Isma. »Er entschuldigt zwar Saltner, der in seiner Lage und nach seinem Charakter nicht wohl anders handeln konnte, aber er glaubt doch, daß man ihn verurteilen wird. Und jedenfalls muß er dem Gesetze freien Lauf gestatten, und, so leid es ihm tut, Saltner aufheben lassen.«

La erblaßte in heimlicher Angst. »Und wie glaubt man seiner habhaft zu werden?« fragte sie.

»Ganz leicht wird es ja nicht sein, aber in einigen Tagen bekommt man ihn sicher. Nur wenige der dortigen Führer kennen seinen Aufenthalt, und von ihnen verrät ihn keiner. Auch die Kenner der dortigen Berge werden sich nicht dazu hergeben. Nume können überhaupt nicht auf diese Höhen steigen und die verborgenen Schluchten durchsuchen. Aber der Wiener Unterkultor hat ein Luftboot zur Verfügung, und auch Ell würde nicht anders können, als ein solches bereitzustellen. Dann lassen sich die Berge mit Leichtigkeit absuchen, und es ist nicht denkbar, wie Saltner entkommen sollte.«

»Wenn er aber doch entkäme?«

»Wohin reichte die Macht der Nume nicht?«

»Es handelt sich zuerst nur um die Behörden des Mars auf der Erde. Auf dem Nu selbst hört jede obrigkeitliche Gewalt der Kultoren oder Residenten auf. Dann müßte erst der Zentralrat selbst die Auslieferung beschließen. Und selbst dieser könnte nicht in den Privatbesitz, in das Haus eindringen, um den Besitzer zu verhaften.«

»Ich weiß wohl, aber wie sollte Saltner auf den Nu gelangen? Und wenngleich, die Frage ist ja eben, ob man dem Paß, den Saltner besitzt, die Bedeutung zuerkennt, daß ihm auch jetzt noch die Rechte eines Numen zukommen. Man könnte ihn für ungültig erklären.«

»Es gibt ein unverletzliches Asyl«, sagte La leise, den Blick wie in weite Ferne gerichtet.

Isma verstand sie nicht. Se sah die Freundin an, als traute sie ihren Ohren nicht. Dann legte sie ihr liebkosend die Hand auf die Schulter und sagte lächelnd:

»Ich glaube, du siehst nun wieder zu schwarz. Saltner kann überhaupt nur so weit verfolgt werden, als das martische Schutzgebiet auf der Erde effektiv ist. Er wäre also in außereuropäischen Staaten schon sicher, denn um von dort eine Auslieferung zu erzwingen, wären Maßregeln erforderlich, die man um einer solchen Kleinigkeit willen nicht ergreifen wird. Und was Ell nicht geradezu tun muß, das wird er auch nicht tun.«

»Das glaube ich ja«, sagte Isma. »Unter uns gesagt, Ell äußerte sich gestern: ich wünschte nichts mehr, als daß wir Saltner nicht fänden, dann wird der Prozeß in absentia geführt, und in einem Jahr kann bei der Amnestie die Sache eingeschlossen werden.«

»Nun denn, so wollen wir uns nicht weiter Sorge machen. Saltner wird sich schon zu helfen wissen. Sagen Sie uns lieber, was wir bei dem schönen Wetter hier machen sollen.«

»Ich möchte doch wissen«, sagte La zögernd, »wann etwa die Verfolgung Saltners durch die Luftschiffe aufgenommen werden könnte.«

»Heute und morgen sicher noch nicht, das weiß ich«, entgegnete Isma. »Denn Ell sagte, daß der Kultor erst die Verhandlung gegen Oß zu führen hat, und solange behält er sein Schiff bei sich. Soll ich noch einmal bei Ell anfragen?« Sie wies auf das Telephon.

»Ach nein«, sagte La, »wir wollen uns noch gar nicht beim Herrn Kultor melden. Nun machen Sie Ihre Vorschläge.«

»Das Wetter ist eigentlich zu schön für Berlin.«

»Ach ja«, rief Se. »Wir wollen lieber hinaus. Haben Sie heute nachmittag für uns Zeit?«

»Bis heute abend, gewiß.«

»Was meinst du, La, dann sehen wir uns einmal Ihren deutschen Wald dort in der Nähe von Friedau an, den Sie uns so schön geschildert haben.«

La sann nach. Dann nickte sie und sagte: »Das ist mir sehr recht.«

»Aber wohin denken Sie«, rief Isma. »Dazu brauchen wir ja allein fünf bis sechs Stunden Eisenbahnfahrt, um nur bis hin zu kommen.«

Jetzt lächelte La. »In zwanzig, in fünfzehn Minuten, wenn Sie wollen, sind wir da. Machen Sie sich nur zurecht, Sie sollen sogleich unsre Reisegelegenheit sehen.«

»Sie haben ein Luftschiff?«

»Und was für eins!« lächelte Se. »Wenn wir wollen, holt uns das größte Kriegsschiff nicht ein.«


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